visuell fixiert in basel

(Un-)sinnige Segmentanzeigen

In input on 31. Juli 2008 at 11:04

Der Fontblog zeigt ein wunderschönes Beispiel «doppelt gefügter Zeichen»: Eine Tankstellenanlage mit einer LED-Anzeige, die so tut, als sei sie eine LCD-Segmentanzeige. Obwohl man mit den kleinen Leuchtdioden ja auch eine «richtige» Schrift hätte annähern können, entschied man sich also ohne technischen Zwang für die eckig-technischen LCD-Formen. [Link]

Dabei finde ich die folgende Bemerkung aus den Kommentaren höchst spannend – als Argument für den Segment-Look und gegen die Nachahmung einer Druckschrift:

Man hat ja als Erwartungshaltung dass sich die Preise ständig ändern (können). Wenn das dann aussieht als wären sie festgeschrieben, kommt mir das zumindest komisch vor.

Schon spannend: Die aktuelle Wahrnehmung gefügter Zeichen sagt: Das ist ein Zeichen, das sich ständig ändern kann. Das am Puls der Zeit ist. Das nicht gestaltet ist und schön, sondern «nackte» Information. Wie bei den Joghurtbechern: Das Logo ist schick gestaltet und bunt, aber das Wichtigste, nämlich das Ablaufdatum, steht tagesaktuell und hässlich grob gepixelt drauf.

So ähnlich ist das auch bei den Segmentzeichen, die uns vom öffentlichen Nahverkehr, von Bussen und Bahnen, von Ticketautomaten und Wechselkursanzeigen bekannt sind: Sie sind deshalb so hässlich, weil sie elektronisch steuerbar sein müssen, um topaktuell zu sein; im Umkehrschluss muss man offenbar nun aufgrund dieser Konditionierung Zeichen dermassen hässlich darstellen, um Topaktualität zu signalisieren – auch wenn es technisch gar nicht mehr nötig ist. Wild.

Wen das jetzt weitergehend interessiert, dem kann ich mal ganz eigennützig die SIGNA-Ausgabe 10: «Das gefügte Zeichen» ans Herz legen. (Ende schamlose Eigenwerbung.)

Aus diesem meinem Lieblingsforschungsundfreugebiet steuere ich gleich noch zwei passende Fundstücke bei:

I. Diese noch viel sinnfreiere Annäherung von Segmentformen auf einem russischen Klamottenpreisschild. Findet sich zuweilen auch auf Getränkewerbungs-Pappaufstellern in Restaurants.

Kann mir jemand erklären, warum man das so macht? Ist mühsam, bringt nix, sieht komisch aus. Oder?

Aber vielleicht wollten sie ja einen massiven Ausverkauf signalisieren, wo sich die Preise quasi täglich ändern … wie die Ölpreise. Yep.

II. Meine Lieblingstankstellensegmentanzeige ever. Gesehen irgendwo in the middle of nowhere, USA (Midwest), Sommer 2002.

About these ads
  1. Zum Thema Joghurt:
    Der Unterschied zwischen “toll” gestaltetem Deckel samt Logo und häßlichem MHD lässt sich sehr leicht erklären. Die Deckel an sich ändern sich nicht so oft und können deshalb in hoher Qualität und Stückzahl vorproduziert werden.
    Das MHD, dass sich hoffentlich immer ändert, muss allerdings für jeden Becher innerhalb von Sekunden auf den Deckel gedruckt werden, wenn der Becher die Abfüllanlage verlässt. Da bleibt nicht viel Zeit für Schönheit. Da kommt ein Tintenstrahldrucker zum Einsatz, der nur das kann. Das dafür schnell.

    Soviel dazu.

  2. Eben, darauf wollte ich hinaus: Die Anzeige, in diesem Fall das Datum auf dem Joghurt, muss flexibel sein und schnell anpassbar, um eben immer aktuell zu sein. Dabei kommt ein charakteristisches gefügtes und meistens ziemlich hässliches Schriftbild heraus – das im Umkehrschluss mittlerweile als Signal für Aktualität gelesen wird.
    Die Datumseinblendungen in Fotoapparaten *könnten* auch schöner gestaltet sein. Müssen sie aber nicht: Es geht darum, ungestaltete, «nackte» Information zu signalisieren.

  3. Das erinnert mich an die alte Diskussion, ob man Briefe nun in Monospaced-Schriften zu schreiben hat, oder auch eine Antiqua nehmen darf. Die Monospaced-Befürworter führen an, dass ebendiese Schriften mit der Schreibmaschine verbunden werden und daher als aktuell und “persönlich” gedeutet werden. Wohingegen eine Atiqua als “hochwertig gedruckt” bzw. “viel Aufwand” angesehen wird. Das sind Wahrnemungen aus der Prä-Laserdrucker-Ära, die in Teilen bis heute gelten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: