visuell fixiert in basel

Glücksmoment mit Renaissance-Antiqua

In basel, input on 14. August 2008 at 22:30

Vorab möchte ich mich bei denjenigen Lesern entschuldigen, die mal wieder über was anderes als Buchstaben und Schriften lesen wollen – ich gebe zu, das häuft sich zur Zeit extrem, und gelobe: Es kommt auch wieder anderes.

Also.

Im Pharmaziehistorischen Museum Basel gibt es ein Exemplar von Andreas Vesals De Humani corporis fabrica, 1543 in Basel gedruckt. Normalerweise liegt das großformatige, dicke, mit Metallspangen verschließbare Buch hinter Glas, aufgeschlagen auf der opulenten Titelseite (man nimmt an, dass die Stiche in dem Buch von Tizian sind).

Aus-nahms-wei-se durfte ich heute in dem Werk blättern.

Grosser, grosser Glücksmoment. Ehrfurcht nahm mir fast den Atem. Was, und vielleicht bin ich da einfach ein Exot, (Tizian hin oder her) weniger an den (zugegeben großartigen) Stichen lag, sondern an der Typographie.

Der lateinische Text ist gespickt mit wunderschönen Ligaturen, Buchstabenvarianten wie dem langen «s» und eigentümlichen, heute bzw. im Deutschen nicht verwendeten Abkürzungszeichen.

Aber was einen dann wirklich einfach umhauen muss, ist die Kursive. Noch mehr Abkürzungszeichen, schwungvolle Versalien (Vesalien! Ha, ha), schwungvolle An- und Abstriche – und trotzdem ein Rhythmus unter diesen Buchstaben, der schwingt wie Musik. Wundervolle. Harmonische. Und ganz bestimmt nicht verstaubte.

Man beachte in diesem unteren Bild nur einmal die unterschiedlichen Varianten der Minuskel s, um einen Eindruck davon zu bekommen, wieviel Sorgfalt und Sachkenntnis und Liebe in diesen Satz hineingesteckt worden sind. Nicht nur gibt es das kurze s und das lange ſ (ausladend und unterschnitten); es gibt auch ſi-, ſt- und (wunderschöne!) ſſ-Ligaturen, sp-, us- und is-Ligaturen und auch ein ß (oberste Zeile, elegantißimis).

Marginalien gibt es auch.

Was mich unendlich fasziniert an diesen Renaissance-Drucken, am Beispiel von diesem: Dieses Buch wurde vor 465 Jahren gedruckt. Viereinhalb Jahrhunderte! Und die Renaissance-Antiqua gilt noch heute als eine Idealform unseres Alphabets. Bzw.: sie gilt nicht nur als Idealform, sie wirkt auch so. Immer noch.

Mir kamen fast die Tränen vor schierer Schönheit, und sicher bin ich da ein Extremfall; aber dieser Rhythmus, der Fluss, die Proportionen, die Balance zwischen ausbalanciertem Schriftbild und differenzierten Einzelformen, zwischen Un- und Regelmässigkeit, zwischen Perfektion und Eigenwille: Es sind Buchstabenformen, die vollendet wirken auch in ihrer Rohheit, gerade auch in der Reibung mit dem Material, dem groben Papier, dem Blei, der Druckerschwärze, an deren Schönheit sich Digitalisierungen, auch wenn sie so beglückend sind wie Robert Slimbachs Garamond Premier Pro, nur annähern können.

Und die heute immer noch so aktuell sind. Der Perspektive halber: Nur ein knappes Jahrhundert vor diesem Vesalbuch erschien Gutenbergs berühmte Bibel, welche, in einer fetten Textura gesetzt, die damals als Ideal empfundene geschriebene Form nachahmte. Für Gutenbergs Textura heute einen Einsatzzweck zu finden, dürfte gar nicht so leicht sein, und für viele Leser dürfte sie überdies nur noch schwer zu entziffern sein. Eine Garamond, eine Bembo, eine Sabon, eine Palatino, eine Minion haben wir jedoch alle schon einmal verwendet. Oder eine Gill Sans, eine Frutiger, eine Syntax, eine Meta: Das sind alles Schriften, die auf das Ideal der (meist französischen) Renaissance-Antiqua zurückgehen. Wieviele Textschriften gibt es heute, die auf die Unziale, auf die Karolingische Minuskel, auf die Textura zurückgehen?

Hat die Renaissance etwas entdeckt, etwas geschaffen, was für uns immer noch allgemeingültig «schön» ist? Oder eher: Sind wir der Renaissance im Geiste immer noch so nahe, dem Mittelalter so fern?

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  1. Danke für den schönen Beitrag und die wärmende Begeisterung! Der Buchdruck und die schönen Werke der Renaissancedrucker gingen ja aus dem Mittelalter hervor, da sehe ich eher eine Entwicklung als einen Bruch. Wie rasant das vor sich ging, hat der große Mediävist Arno Borst in seinen Mittelalter-Büchern sehr lebendig geschildert. Einen bedeutenden Anteil am Reiz dieser Bücher hat die Buchdrucktechnik. Die leichte Unregelmäßigkeit im Druckbild läßt die Buchseite lebendig erscheinen. Selbst wenn man so eine Schrift heute anwenden würde, was ja technisch möglich wäre, so würde sie im digital vorbereiteten Druckbild perfekt, kalt und lebloser wirken als das Vorbild. Ich frage mich, ob es eines Tages digitale Schriften geben wird, welche sich der Anmutung von Renaissance-Büchern zumindest annähern. Denn der Buchdruck vom Bleisatz wird wohl immer zu teuer bleiben, um Bücher vielen Lesern zugänglich zu machen. Die Garamond von Herbert Thannhaeuser (Schriftgießerei Typoart) verfügt in den größeren Graden der Kursiven (ab 14 und 16p) übrigens auch über Ligaturen wie is und us und solche mit langem ſ.

    Und ja, wir stehen der Renaissance freilich am nächsten in unserer Schriftkultur, weil sich damals die Grundlagen unserer Geisteswelt bildeten. Wie man ja auch am Inhalt des gezeigten Werkes sieht: Wissenschaft, die es vorher so nicht gab. Dürer, Dante, da Vinci. Buchdruck, Kunst, Philosophie und Wissenschaft fielen zusammen, so erhielt sich auch die Schrift.

  2. [...] public links >> bembo Glücksmoment mit Renaissance-Antiqua Saved by holin on Fri [...]

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