Aus der Welt der komischen Bürokratismen und Statistiken kommt wohl diese Feuerzeugverpackung (Denner):
85% kindergesichert? (Ich frage jetzt nicht mal, ob das zwischen dem child und dem resistant so eine böse Leerschlag-Bindestrich-Leerschlag-Kombination ist.) – Im Ernst, was heisst das? Nur 85% aller Kinder bräteln sich die Finger damit ab? Und warum schaut das Kind dann ganz unglücklich und nicht wenigstens zu 85% glücklich? Warum sind nicht 20 Kinder darauf und nur 3 sind traurig? Und warum hat das arme Wesen eine dreieckige Nase? Und ist das Moritz (von Max und) oder Tintin, oder was ist mit der Frisur? Stehen dem von der sengenden Hitze etwa schon die Haare zu Berge? Oder kann man das Kind da so an die Wand hängen, wenn es einem allzu unglücklich dreinschaut?
Fragen über Fragen. Man beachte den Unterschied in der Expressivität des Gesichtchens zwischen dem obigen bemühten Versuch und diesem eigentümlich faszinierenden Warnungsaufkleber auf einem Kochherd in Tokyo, 2005. ACHTUNG, HEISS! Dafür muss man weder Japanisch lesen können noch die Information haben, welcher Prozentsatz der Leute sich die Finger verbrennen wird, im Durchschnitt, ohne Schaltjahre und wenn kein Vollmond ist.
Hier in der Migros arbeiten viele Elsässer. Und Innen. Und wenn man «Efeuille» französisch ausspricht, tönt das genau wie «Efeu». Grossartig, oder? Leider geht es nicht wirklich so, aber der Fehler ist total nachvollziehbar (und das Wort sieht lustig aus).
Da spürt man doch den Charme des Fremdsprachlers, der sich aus Versehen verschreibt, obwohl er sich das ganz logisch überlegt hat (und einem damit auch undidaktisch die Komplexität und Willkürlichkeit der eigenen Sprache vor Augen hält) – genau den Effekt also, den die doofe Mastro-Lorenzo-Werbung gestern erzielen wollte, aber dran vorbeigemurkst hat.
Fazit: Wollt Ihr Deutschfehler, dann lasst Nichtmuttersprachler texten!
«Ich liebe jedem seiner Stärken»: Soll das jetzt so ein Italiener-können-Kaffee-aber-kein-Deutsch-Ding sein wie das mit dem «Isch ‘abe gar keine Auto»? Andere fragen sich das auch. Und 20 Minuten bestätigt die schreckliche Vermutung («Christa rettet dem Dativ») und sieht Christa Rigozzi damit auf «Verona-Feldbusch-Niveau». Was auch schon falsch ist, die Gute heisst ja schon gar nicht mehr Feldbusch, sondern Pooth, was ich wiederum, der Gerechtigkeit halber sei es zugegeben, nicht aussprechen kann.
20 Minuten zitiert dann auch die ungenannt bleibende PR-Agentur:
Das Sprachspiel soll den italienischen Charme unterstreichen.
Sprachspiel? Spiel? Wo?
Ich finde das ehrlich gesagt ein deutlich bemühtes Falschdeutsch und den «Witz» damit misslungen. Es ist schon ein sehr kreativer grammatikalischer Fehler, aber ein konstruierter, der damit niemals so lustig ist (und niemals so kreativ) wie wirklich passierte Fehler. Ein Fehler, auf den bestimmt nur Leute kommen, die perfekt Deutsch sprechen und sich dann irgendwie angestrengt Fehler ausdenken, die andere vielleicht machen könnten, die nicht wissen, wie’s geht. Auf «jeden» hätte man ja kommen können, das wär nur ein falsches Genus. Aber ein falsches Genus und einen falschen Kasus? Da käme doch keiner auf die Idee, aus Versehen einen solchen Fehler zu machen. Vor allem weil «seiner Stärken» dann wieder perfekt ist.
Auf mich wirkt das höchst konstruiert und irgendwo auch ein wenig problematisch. Ich meine, auf «hier werden Sie geholfen» kommen bestimmt auch Deutsch-Muttersprachler von selber, und Verona P. nahm ich den auch höchstpersönlich ab. Auch den mit dem «isch abe keine Auto» fand ich irgendwie sympathisch, sowas hat man ja realiter auch mal so ähnlich gehört. Aber unsere Sprache so willkürlich zu vermurksen, wie es wohl keiner tun würde, der sich darum bemüht … Ist das jetzt nicht auch irgendwie condescending? Das mit dem «italienischen Charme» hat da für mich so einen unangenehm gönnerhaften, leicht herablassenden Beigeschmack. Ein bisschen ungut, so wie aufgewärmter Kaffee.
Nachdem ich jetzt doch eine Weile und mit einigen Hebeln in Bewegung – aber ergebnislos – versucht habe, herauszufinden, ob es so etwas wie die Industria schon in digitaler Form gibt, bin ich gerade etwas erschrocken, als ich die Presicav fand:
Die Proportionen, die konstruierten Versalien, der Schwung des «a» besonders in der Fetten, so vom Schriftbild her hat mich die Gute sofort an die Industria erinnert. Natürlich gibt es viele breite Linearantiquas nach frühem Vorbild, aber diese schien mir auf den ersten Blick schon sehr nah dran.
Auf den zweiten Blick stelle ich fest: Sie ist es nicht, auf keinen Fall, sie ist zu glatt, zu gefällig, die charakteristischen Formen stimmen nicht überein. Und: Es ist nicht nur das «Bild» auf den ersten Blick, das letztendlich über den Charakter einer Schrift entscheidet; es sind auch, und gerade, die feinen Details in den Zeichen. Und ich sehe mich fest.
Gerade mal ein halbes Jahr habe ich es geschafft, keinen Studi-Ausweis zu haben. Ab heute darf ich endlich wieder günstiger ins Museum! Aber das Beste ist: Ich lerne Schriftgestaltung. Yes! Ein jahrelanger Traum wird weitaus schneller wahr, als ich es für möglich gehalten hätte. Denn seit kurzem muss man nicht mehr nach England oder Holland, um ein Nachdiplomstudium in Type Design zu machen, das geht jetzt auch berufsbegleitend in Zürich. Dankeschön! Auch an die Leute von slanted: Nur dank diesem Post hab ich von dem Kurs überhaupt erfahren.
Heute war der erste Tag, der einigermassen aufregend verlief; am Morgen führte uns Hans Jürg Hunziker sanft, vielschichtig und wortreich ins Thema ein, dann gab es eine ausgiebige Vorstellungsrunde (dass ich von Basel pendle, wurde bestaunt – aber einer fährt von Frankfurt hin und her!) und am Nachmittag warf uns Bruno Maag als Gastredner fortgeschrittene Details der technischen Schriftenproduktion um die Ohren (ich weiss jetzt, was PANOSE heisst); das war wohl eher für die Studis im zweiten Jahr gedacht. Aber ein guter Ausblick drauf, was man jetzt da alles auch lernen kann.
Mein Kurs geht ein Jahr, das heisst zwei Semester, das heisst eigentlich neun Monate, und am Ende derselbigen soll dann eine Schrift da sein, eine eigene, «mit allen Gross- und Kleinbuchstaben, Satz- und Sonderzeichen», aber um es mit Bruno Maag zu sagen: «Macht immer mindestens Latin-A Extended», das muss! Wenn ich schon eine Schrift mache, soll sie auch tschechisch und isländisch können. Sag ich jetzt mal. Fragt mich dann später wieder . Jedenfalls weiss ich (glaub ich) auch schon, was ich als Projekt mache, ausser es redet mir jemand aus irgendeinem glaubhaften Grund aus.
Ich bin zu spät dran. Dieses Jahr ist es mir zum ersten Mal passiert, dass mir am Morgen des 11. Septembers nicht die ganze Geschichte wieder durch den Kopf jagte. Vor sieben Jahren war das das einzige, das mir durch den Kopf jagte. Das zeigt dieser Text; ich habe ihn 2001 geschrieben in einer kleinen Wohnung in Williamsburg, Brooklyn, New York.
***
Es ist Nacht in Manhattan, Wochen nach dem Tag Null. Mit Musik in den Kopfhörern lasse ich mich treiben durch die Stadt, die niemals schläft. Das Two Dollar! Two Dollar! des Strassenhändlers an der 14. Strasse gilt nicht mehr Sportsocken und Strickpullis, sondern Bergen von amerikanischen Flaggen, rotweissblauen Schleifchen, Ansteckknöpfen und T-Shirts, auf denen Evil will be punished steht oder Never forget the World Trade Center. Und das Reiterdenkmal auf dem Union Square ist jetzt wieder grau und sauber, nachdem es kurzfristig zum Antikriegsmahnmal umfunktioniert worden war, LOVE LOVE LOVE LOVE LOVE LOVE LOVE war mit bunter Kreide auf den Sockel geschrieben und auf die Stirn des Pferdes PRAY.
I just want her back, hat ein Mann im Fernsehen gesagt und ein Foto von seiner Frau der Linse entgegengestreckt. I just want her back! Schnitt. Und dann fliegt wieder das Flugzeug in den Büroturm. Es kommt von links ins Bild, jedesmal, und fliegt einfach geradeaus nach rechts, als wär da nichts, aber da ist ein Wolkenkratzer. Zu allen Zeiten ist das zu sehen und auf allen Kanälen, als unaufhaltsame Endlosschleife, in mein Hirn hat es sich längst eingebrannt, aber glauben kann ich es noch immer nicht, dass das Flugzeug nicht bremst.
Gleich bei zwei Projekten habe ich es gerade mit der Zeit als Thematik zu tun. Schwierig zu visualisieren ist das sowieso; spannend finde ich auch, wie festgefahren vorgeprägte «Zeit-Bilder» in welchen Bereichen sind.
Das eine Projekt ist ein Programm-Icon / Logo für ein Zeitmanagement-Tool; darüber in Kürze mehr, dazu gibts noch nicht viel zu erzählen, ausser dass irgendwie alle Zeitmanagement-Tools eine Uhr im Logo haben. Echt. Bei meiner kurzen Recherche warens deutlich über 90 Prozent. Es wird noch spannend, zu entscheiden, ob wir auch eine Uhr machen oder bewusst etwas anderes –
Kein Logo, sondern eine Illustration (und ein Layout) waren beim anderen «Zeit»-Projekt gefragt. Die MinD-Akademie (grossartiges Event, dieses Jahr schaff ichs leider nicht) findet Anfang Oktober in Nürnberg statt und steht unter dem Leitthema «Zeit»; ich habe dafür den Abstractband gesetzt. Mit Cover.
Während ich das Cover letztes Jahr, damals zum Thema «Kreativität und Innovation», unter heftigem Zeitdruck mit einem doch sehr offensichtlichen und «cleanen» Stockfoto illustriert habe (Glühbirne), hatte ich diesmal das dringende Bedürfnis, wegzukommen von den evidentesten Motiven wie Uhren, Sanduhren, abgeblätterten Oberflächen, verwelkten Blumen etc. sowie geschniegelten Agenturbildern und kam dann auf dieses Motiv:
Dieses WordPress-Theme ist gerade neu herausgekommen und gefällt mir ziemlich gut. Ich denke, eine Weile lang wird sehsucht jetzt so herumlaufen. Feedback willkommen!
Das Deutsche Seminar der Uni Basel hatte kurzfristig wegen A3-Plakaten und Klappflyern zu einer neuen Vortragsreihe angefragt. Als der Anruf kam, lag ich zwar gerade mit Grippe im Bett und hatte schon zuviel zu tun, doch das Thema hat mich gefangen: «Carmen perpetuum. Ovids Metamorphosen in der Weltliteratur» – wobei dem Wort Metamorphosen ein schöner Doppelsinn zufällt, da es einerseits natürlich den Werktitel bezeichnet, andererseits auch auf die Metamorphose des Stoffes in der Rezeption und Adaption anspielt. Also, Wortspiel: toll. Zweitens, Metamorphosen: toll. Ovids Metamorphosen waren für mich so ein Highlight des Lateinunterrichts.
Das Motiv ist ein bisschen frech geworden, was der Universität auch ganz gut tut ab und zu, denke ich:
Die mit dem Nuschelschild lesen offensichtlich sehsucht. Jetzt lassen sie jemand anders schreiben, der nicht nuschelt, sondern brüllt, und das auch noch formal vollendet. Es lebe der Simultankontrast!
Was beklagt man sich nicht gern über die marktschreierische Natur der Werbung, die uns umgibt. Um so faszinierender ist es, einem Schild zu begegnen wie diesem, das auf ein vorproduziertes Schreien hin («rivella!!!!!!!») nur noch ein stream-of-consciousness-mässiges Nuscheln von sich zu geben vermag:
Man hat den Eindruck, die wollen gar nicht so gern anpreisen, was sie alles haben. Bei den «Schinkengipfeli», da war noch etwas Selbstvertrauen da. Aber das «Menu zum mitnehmen»? Das ist nicht nur klein geschrieben, es ist dazu auch noch sehr klein geschrieben, if you know what I mean. Auch der Flamenkuchen ist interessant – eine belgische Variation des elsässischen Klassikers vielleicht? – Es macht einem fast ein schlechtes Gewissen, die Schreibfehler überhaupt zu sehen, wenn sich da jemand schon so offensichtlich zum Schreiben gezwungen hat. Am liebsten würd ich drunterschreiben: Hey! I’m OK – you’re OK. Und der «Pizza- Lauch + Pouletstrudel» ist sicher echt gut. Nein, wirklich. Was auch immer das ist.
Zwei Perlen leider humoristisch wirkender Plakatkunst. Beide gefunden in Binningen bei Basel, allerdings etwa drei Jahre auseinander (das obere ist aktuell) – das gibt zu denken für die schöne Vorstadtgemeinde. Da sind Chaoten am Werk!
Sehsucht, f.: Der Zwang, in jeglichen, auch alltäglichen Situationen Aufregendes, Schönes oder Hässliches besonders wahrzunehmen bzw. zu sehen, meist von vielen unbemerkte Kleinigkeiten. Die S. lässt sich bei Betroffenen nur sehr schwer unterdrücken, macht aber nachhaltig glücklich, wenn sie ausgelebt wird.
Apothekerflasche beim Ausgewaschenwerden, mit Seifenblasen drin. Toll.
Sowas kann mich stundenlang glücklich machen. Leider schlecht fotografiert, sorry, muss erstmal den Kamera-Akku neu aufladen. Die hält beim Gucken nicht so lang durch wie ich
Dankefein für all die Besuche und Kommentare! (Die Besucherzahl passt leider nicht so gut ins Konzept, ist aber auch sehr schön: 4144 Aufrufe seit den gut zwei Monaten, die dieses Blog nun existiert.)
Fazit: 7 ist gut, 4 ist gut, und Blogschreiben ist am gütsten! Danke Euch allen da draussen.
Das iPhone, das iPhone. (Und, liebe Leser und Innen, das ist jetzt bis auf weiteres mal der letzte iPhone-Eintrag, ich bin doch hier kein Technologie-Blog. Trotzdem:) Immer wieder staune ich ungläubig, wirklich so ein Wundermaschinchen in der Hand zu haben. Das ist nicht einfach nur ein Telefon, und an dieser Stelle muss ich mal selig lächelnd die schöne Werbung verbreiten:
Im Ernst: Das iPhone ist einerseits, das ist schon richtig, seiner Zeit insofern voraus, dass es zum Zeitpunkt seiner Markteinführung die Handybranche um einen Riesenschritt nach vorne katapultierte und sie nachhaltig aus dem Variieren des Immergleichen herausriss. Auf der anderen Seite lag die Entwicklung eines solchen Geräts schon länger in der Luft, auch wenn es noch kurz vor dessen Einführung einen bestimmten Science-Fiction-Charakter hatte.
Im Frühling 2002, also vor nunmehr sechseinhalb Jahren (was in der Technologiewelt schon bald Ancient History bedeutet), war ich in Halle (Deutschland) an der Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Kunst und Design. Der Studiengang Multimedia|VR-Design (in dem ich dann auch studiert habe) hatte gemeinsam mit dem Studiengang Industriedesign unter anderem eine Aufgabe mit dem ungelenken Titel «Darstellen technischer Funktionen», und die Aufgabenstellung lautete – ta-daa – «Das Handy der Zukunft». Mit Marktanalyse, Konzept, Darstellung. Es sollte meine erste bewusste Begegnung mit dem Konzept des iPhone werden.
Ich bin Nina. Sehsüchtig, manchmal auch sonst ein bisschen verrückt; (teilzeit-) selbständige Multimedia-Designerin und Grafikerin in und aus Basel, spezialisiert auf die Umsetzung und Inszenierung von Inhalten aus dem Kultur- und dem Bildungsbereich.
Ich liebe gute Typographie. Zeichen, Formen, Flächen, Konturen, Farben, Kontraste, Kompositionen; und schlechte Umsetzungen irritieren mich manchmal zutiefst. ... Weiterlesen »