visuell fixiert in basel

Die feinen Details in den Zeichen

In input on 24. September 2008 at 00:08

Nachdem ich jetzt doch eine Weile und mit einigen Hebeln in Bewegung – aber ergebnislos – versucht habe, herauszufinden, ob es so etwas wie die Industria schon in digitaler Form gibt, bin ich gerade etwas erschrocken, als ich die Presicav fand:

Die Proportionen, die konstruierten Versalien, der Schwung des «a» besonders in der Fetten, so vom Schriftbild her hat mich die Gute sofort an die Industria erinnert. Natürlich gibt es viele breite Linearantiquas nach frühem Vorbild, aber diese schien mir auf den ersten Blick schon sehr nah dran.

Auf den zweiten Blick stelle ich fest: Sie ist es nicht, auf keinen Fall, sie ist zu glatt, zu gefällig, die charakteristischen Formen stimmen nicht überein. Und: Es ist nicht nur das «Bild» auf den ersten Blick, das letztendlich über den Charakter einer Schrift entscheidet; es sind auch, und gerade, die feinen Details in den Zeichen. Und ich sehe mich fest.

Da ist der Abschluss des «e», der mir hier viel zu geglättet erscheint und weder zu den Endungen des «c» passen will noch zum «a» («Candidate»!). Welches übrigens zuviel Zug nach links zu haben scheint. Der zweite Bogen des «m», dessen Kurvenverlauf hier nicht zu dem des ersten passen will. Und gerade in den Details glaube ich auch mehr und mehr festzustellen, dass diese Schrift nicht sehr konsequent gestaltet ist (sorry, Mr. Larabie); das «&» ist zu fett, überhaupt die Versalien gegenüber den Minuskeln («Looking»!), die «6» hat ein Gleichgewichtsproblem, das «t» erscheint mir viel zu schmal, das «r» zu fett. – Dieser Monolog ist recht beliebig fortzusetzen und erfreut sich vor allem an einem:

Ich lerne zu sehen.

Auch die Presicav ist nach dem Vorbild einer Bleitype entstanden, nämlich der breitfetten Form der Tempo (die allerdings nicht ganz so alt zu sein scheint wie die Industria). Dass das «t» so schmal ist und das «a» nach links kippt, mag vielleicht auch ein Tribut an den Charakter der Tempo sein, die ich zuwenig kenne, um das beurteilen zu können. Der Charakter aber – wenn das Charakter ist – ist für meine Augen nicht aufgefangen, nicht konsequent durchgedacht in dieser Schrift. Setzen würde ich damit nichts, dafür ist sie mir zu instabil, zu unberechenbar.

Immer deutlicher zeichnet er sich ab, der Spagat, den ich mit der Industria vor mir habe: Die Balance zu treffen zwischen den charakteristischen Formen und einem einheitlichen, stimmigen Schriftbild (und das hab ich bei Schriftgestaltern schon ein paarmal gelesen und freue mich drüber, das Dilemma selbst zu erkennen; verzweifeln dran werd ich noch früh genug). Die Industria Reloaded – Arbeitstitel: Zehnpfundt-Grotesk – muss eine Zehnpfundt-Grotesk werden, keine Ich-bin-irgendeine-stylische-breite-Grotesk-Schrift. Die Industria hat ein Konzept, und das gilt es zu bewahren. Wo der Punkt dann genau ist, wo die allzu sperrigen Formen gebremst werden müssen, um sich ins Gesamtbild einzuordnen, wird immer wieder die spannende Frage sein. Und ich freu mich drauf, anzufangen. Noch recherchiere ich, lege die Richtung fest. Und finde – bzw. kriege gefunden (1000 Dank, Wolfgang, Hans und Robert!) – so tollen Input:

About these ads

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: