visuell fixiert in basel

Obama rockt Berlin

In input on 24. Juli 2008 at 22:35

Link zur Rede als Video (25 Minuten):

Der Applaus sicher verhaltener als in seinem Homeland, aber: 200 000 Zuschauer? Zum Glück bin ich dann doch nicht hingefahren😉.

Ein Transkript gibts hier.

Die ersten sechseinhalb Minuten (!) verwendet Obama auf einen Rückblick auf Berliner Geschichte resp. die Geschichte der Verbindung zwischen Berlin und den USA, aufgehängt an der Berliner Luftbrücke, die sich praktischerweise gerade zum 60. Mal gejährt hat. Damit beweist er nicht nur, dass er eine Ahnung von der Welt diesseits des Atlantiks hat, sondern kann die Berliner natürlich rühmen, für ihren Durchhaltewillen, für ihre Beharrlichkeit, ihr Streben nach Freiheit und ihre Hoffnung, was schön in die Obamakampagne passt und den Berlinern natürlich Laune macht.

Zumindest den Westberlinern. Dass er eigentlich nur auf Westberliner Geschichte eingeht – Ostberlin kommt nur in Form der Mauer vor, die dann fiel –, finde ich zumindest eigenwillig; und es wäre zu fragen, ob er es sich damit nicht mit einigen Ostberlinern ein wenig verscherzt hat. Später, ungefähr nach 15 Minuten, vergleicht er den Kampf gegen den Terrorismus heute direkt mit dem Kampf gegen den Kommunismus damals:

If we could create NATO to face down the Soviet Union, we can join in a new and global partnership to dismantle the networks that have struck in Madrid and Amman; in London and Bali; in Washington and New York. If we could win a battle of ideas against the communists, we can stand with the vast majority of Muslims who reject the extremism that leads to hate instead of hope.

Da ist mir die historische Feinfühligkeit jetzt ehrlich gesagt ein wenig zu kurz gekommen. «The communists» gabs auch in dieser Stadt. Hm.

Ansonsten ist der Mann natürlich rhetorisch großartig. Beeindruckend, wie er in sämtlichen Kontexten auf seine grundlegenden Prämissen zurückkommen kann:

«People of the world, look at Berlin» – where a wall came down, a continent came together, and history proved that there is no challenge too great for a world that stands as one.

(Auch wenn das eine lustige Definition von «world» ist …)

Ein sehr feiner Rückbezug auch auf Reagans berühmte Berliner Rede (der sich übrigens seinerseits am Anfang seiner Rede auf die noch berühmtere Berliner Rede von JFK zurückbezieht; soviel zur bewusst kultivierten Symbolkraft amerikanischer Reden in Berlin):

Partnership and cooperation among nations is not a choice; it is the one way, the only way, to protect our common security and advance our common humanity.
That is why the greatest danger of all is to allow new walls to divide us from one another.
The walls between old allies on either side of the Atlantic cannot stand. The walls between the countries with the most and those with the least cannot stand. The walls between races and tribes; natives and immigrants; Christian and Muslim and Jew cannot stand. These now are the walls we must tear down.

Nur manchmal, da blitzen sie schon auf, die grundlegenden Mentalitätsunterschiede zwischen den USA und Europa:

This is the moment when every nation in Europe must have the chance to choose its own tomorrow free from the shadows of yesterday.

Ich wage zu bezweifeln, dass man aus so einer Anschauung heraus in Europa politisieren könnte. Nein, ehrlich: Das ist doch der Inbegriff des Mentalitätsunterschieds.

Und ein linguistischer Seitenhieb am Ende: Der Tiergarten ist ja fein, aber wenn Obama das sagt, klingt es wie «teargarden». Wenigstens – und das gibt, finde ich, einen Pluspunkt für Obama – hat er nicht versucht, schlechtes Deutsch zu sprechen wie seine beiden berühmten Vorgänger.

Snif, teargarden:

I come before you to say that we are heirs to a struggle for freedom. We are a people of improbable hope. With an eye toward the future, with resolve in our hearts, let us remember this history, and answer our destiny, and remake the world once again.

Ich weiss immer noch nicht, ob ich es gut finden soll oder gruslig, dass einen dieser Mann anhand politischer Themen zu Tränen rühren kann.

  1. […] Nina hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und kommentiert Auszüge de […]

  2. […] Obama rockt Berlin bei Sehnsucht […]

  3. Wenigsten hat Barack Obama eine Vision. Dies ist etwas was unseren einheimischen PolitikerInnen völlig abgeht. Optimismus ist in unseren Breitengraden eine unbekannte Erscheinung

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