visuell fixiert in basel

Schrift im Raum, die Zweite

In input on 7. August 2008 at 23:43

Ich hatte das preisgekrönte Projekt der gewissermassen «in den Raum projizierten» Schriftzüge von Viktoria Kirjuchina von der UdK Berlin ja für sehr neu gehalten. War natürlich Blödsinn, und ich revidiere diese Meinung jetzt. (Hey, man lernt nie aus!)

Der Fontblog berichtet über ein solchermassen umgesetztes Parkleitsystem in Melbourne (mit dem wunderschönen Wort «Illusionstypographie» im Titel):

»Typo-Wegweiser« @ Nerdcore

»Typo-Wegweiser« @ Nerdcore

Sieht zugegebenermassen geil aus. Ob eine überraschende Beschriftung, die nur aus einem Winkel wirklich betrachtbar ist und eine Fläche vortäuscht, wo keine ist, jetzt wirklich so sinnfällig ist für ein Leitsystem in einem Parkhaus, sei einmal dahingestellt. Denn alles kein Problem: Man muss sich bloss an die richtige Stelle stellen, dann kann mans auch lesen, so siehts zumindest der Designer.

In Melbourne I developed a way-finding-system for the Eureka Tower Carpark. The distor[t]ed letters on the wall can be read perfectly when standing at the right position.
(Axel Peemöller, via Nerdcore)

Neu ist das übrigens auch nicht: Es gibt zahlreiche Beispiele für dieses Prinzip …

Das Melbourner Parkhausleitsystem wird auf Fontblog sogar als Plagiat bezeichnet – in Zürich gibts ein älteres Beispiel von sowas im Parkhaus Urania:

Ein sehr schönes – und vielleicht weniger gefährliches – Beispiel eines solchen Leitsystems hat L2M3 für die Kreissparkasse Ludwigsburg umgesetzt:

Laut Nerdcore reiht sich auch David Carson in die hiermit proklamierte GMsIRB ein (= Gruppe der Menschen, die schonmal die Idee von in den Raum projizierten Buchstaben hatten):

Konfrontiert mit einer leeren Fabriketage schlug Carson bei seinem Time after Type Workshop in Düsseldorf vor, große Buchstaben in eine Raumecke zu projezieren und nachzuzeichnen. Erst von einem bestimmten Standpunkt aus schließt sich das Schrift- und Raumbild zu einem lesbaren Satz.

Nicht mit Buchstaben, sondern mit anderen geometrischen Formen hat der französische Künstler Georges Rousse gearbeitet:

La flèche, 1993 (Bild verlinkt auf Originalseite)

Georges Rousse: La flèche, 1993 (Bild verlinkt auf Originalseite)

Genevillers 1994 (Link auf Originalseite)

Georges Rousse: Genevillers, 1994 (Link auf Originalseite)

Bereits 1986 schrieb die Le Monde über Rousses Kunst:

Il a inventé un géométrisme dans l’espace, à la fois savant et étrange. Et d’une effarante subtilité : il n’y a dans ces travaux aucun hasard. Tout y est subordonné dés l’origine au cliché final.
Philippe Dagen, Le Monde
du 1er janvier 1986.

Weitere lustige Beispiele von Formen und Flächen im Raum gibts bei Fishki.

Natürlich kann man jetzt auch ganz weit zurück verlinken und das Thema der anamorphotischen Verzerrung aufs Tapet bringen, mit der bereits Hans Holbein gearbeitet hat, in der Renaissance, die die Perspektive (wieder)entdeckte.

Die Gesandte, 1533

Hans Holbein der Jüngere: Die Gesandte, 1533

Der Totenkopf da unten gehört ja sozusagen zur Allgemeinbildung (und spiegelt sich heute wider in der lustig verzerrten Werbung auf Fussballplätzen, die dann von der Fernsehkamera aus gesehen wieder «gerade» aussieht, wovon ich jetzt leider kein Bild habe, oder in tollen, Dreidimensionalität vortäuschenden Strassenmalereien, über die ich dann auch gern einmal berichte).

Trotzdem, denke ich, kann man die oben zitierten Beispiele nur bedingt als direkte «Nachfolger» von Holbein bezeichnen – zumindest wenn sie mit mehr als einer Wand arbeiten, inszenieren sie nicht eine andere Dimension der Fläche auf einer Fläche, sondern eine gleichsam virtuelle Fläche im Raum. Arbeiten also mit verschiedenen Winkeln – und von der Wahrnehmung her quasi mit einer Dimension mehr. Spannend ist das allenthalben. Auch wenns schon lange nicht mehr neu ist.

  1. Ich lese das alles wahnsinnig gerne, was du da so schreibst. Und auch wie du es schreibst.

  2. Danke für die Blumen🙂

  3. Ein guter Artikel mit netten Bildbeispielen. Die Parkhaus-Nummer kannte ich noch gar nicht – klasse🙂

    Übrigens gibt’s von dem Holbein-Bild eine Interpretation, die vor kurzem vom Polygonist veröffentlicht wurde (http://www.flickr.com/photos/8505037@N07/2679480596/).

    Viele Grüße,
    Sebastian

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