visuell fixiert in basel

… als wär da nichts als Himmel

In output on 17. September 2008 at 15:11

Ich bin zu spät dran. Dieses Jahr ist es mir zum ersten Mal passiert, dass mir am Morgen des 11. Septembers nicht die ganze Geschichte wieder durch den Kopf jagte. Vor sieben Jahren war das das einzige, das mir durch den Kopf jagte. Das zeigt dieser Text; ich habe ihn 2001 geschrieben in einer kleinen Wohnung in Williamsburg, Brooklyn, New York.

***

Es ist Nacht in Manhattan, Wochen nach dem Tag Null. Mit Musik in den Kopfhörern lasse ich mich treiben durch die Stadt, die niemals schläft. Das Two Dollar! Two Dollar! des Strassenhändlers an der 14. Strasse gilt nicht mehr Sportsocken und Strickpullis, sondern Bergen von amerikanischen Flaggen, rotweissblauen Schleifchen, Ansteckknöpfen und T-Shirts, auf denen Evil will be punished steht oder Never forget the World Trade Center. Und das Reiterdenkmal auf dem Union Square ist jetzt wieder grau und sauber, nachdem es kurzfristig zum Antikriegsmahnmal umfunktioniert worden war, LOVE LOVE LOVE LOVE LOVE LOVE LOVE war mit bunter Kreide auf den Sockel geschrieben und auf die Stirn des Pferdes PRAY.

I just want her back, hat ein Mann im Fernsehen gesagt und ein Foto von seiner Frau der Linse entgegengestreckt. I just want her back! Schnitt. Und dann fliegt wieder das Flugzeug in den Büroturm. Es kommt von links ins Bild, jedesmal, und fliegt einfach geradeaus nach rechts, als wär da nichts, aber da ist ein Wolkenkratzer. Zu allen Zeiten ist das zu sehen und auf allen Kanälen, als unaufhaltsame Endlosschleife, in mein Hirn hat es sich längst eingebrannt, aber glauben kann ich es noch immer nicht, dass das Flugzeug nicht bremst.

Die Wärme des langen Sommers ist einem Wind gewichen, der schneidend und schnell durch die Betoncanyons der Grossstadt zieht. Er lässt an den Laternenpfählen die Vermisstenbilder knattern, die Gedichte und Aufrufe und Beileidsbezeugungen, Love until it hurts, then love some more. Have You Seen My Daddy, Jason Jacobs? Please Call (973) 927-9998. Und ich weiss, der Wind weht auch über Ground Zero, wo es immer noch brennt, wo der Rauch noch immer tief hängt über den Trümmern: Über dem Narbengelände / das langsam verschwindet / so nur Phantomschmerz bleibt, singen die Einstürzenden Neubauten, und ich dachte immer, die meinen Berlin.

Der Geruch des Rauches ist in jeden Winkel der Stadt gekrochen, hat sich festgesetzt über dem Stoppelfeld aus Beton und an den Schleimhäuten und Gehirnen derer, die in ihm leben. Ein schwerer Dunst ist es, der unerbittlich an Brand und Asche erinnert und in dem vieles mitschwingt, was nicht zu benennen ist, würgend Süssliches, Würziges, Klebriges und Staubiges zugleich; es ist ein Geruch, der Angst macht, der von Feuer kündet und Tod und der nicht weggeht, wenn ich mir die Nase zuhalte. Dieser Geruch hat mich begleitet seit dem 11. September, er ist immer da gewesen, ungebeten, ungewollt und nicht zu ignorieren. Wie das Bild vom Flugzeug, das wieder und wieder und wieder in den Büroturm crasht, unaufhaltsam wie ein böser Traum, aus dem man nicht aufwacht; weil er kein Traum ist.

Ich gehe dorthin, wo der Rauch herkommt: nach Süden, downtown, auf der Suche nach etwas Tröstlichem, Bestätigendem, das die Katastrophe verständlich macht vielleicht oder einordenbar, denn so schlimm wie im Fernsehen kann das alles doch gar nicht sein —

This is not just an attack against the United States. It is an attack against all NATO states. It is an attack against the Western World against freedom democracy humanity morals liberty the free market anything that is decent our nation all peace loving nations all religions all the people who believe |||

I just want her back!

Denselben Weg bin ich vor einem Jahr zum ersten Mal gegangen, damals noch neu in dieser Stadt, grossäugig und sprachlos, auf meinem Weg vom damaligen Nullpunkt: Peter’s office, hin zu meinem Wahnsinnspunkt, der den Schaffensdrang, den Schaffenszwang dieser Stadt am besten verkörpert hat, ihren Glauben an die Machbarkeit und ihren Irrsinn in Nietzsches Sinn, wo ist der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke, — diese kühne Unsinnigkeit, diese grossartige Hybris, das war das World Trade Center. Nehmen Sie das Verrückteste, was Sie sich vorstellen können, und verdoppeln Sie es. Und verrückt waren sie, die Twin Towers, blödsinnig hoch, too tall for our senses to believe it’s a building. Oft ging ich den Weg, vom Broadway rechts Vesey Street hinunter und dann gleich links — und nie konnte ich mir das ungläubige Atemstocken verwehren und die Nackenstarre.
Mein Atem stockt auch diesmal. Und mein Schritt: Police Line Do Not Cross

Überhaupt scheint New York too urban for me to believe it’s a real city. Eher wie ein kollektiver Traum, eine Art Test für die Stadt der Zukunft vielleicht oder ein Filmset, oder ein Theme Park: New York, as seen in the movies. See the yellow cabs! See the skyscrapers! Aber das ist alles echt, auch und gerade das, was viel zu verrückt ist, viel zu gross, viel zu blödsinnig oder zu brutal. New York glaubt daran, dass der Wettbewerb Grosses gebiert, glaubt an den Überlebenskampf, nicht an common sense, normality und eine genormte Giebelhöhe fürs einheitliche Stadtbild. The only credentials the city asked was the boldness to dream. Da passt es, dass das eine Bauwerk, das alle übrigen Macht- und Phallussymbole Manhattans in den Schatten gestellt hat mit zweimal 110 Stockwerken und einer Form, die von Architekturkritikern als arrogant, hässlich und fast beleidigend einfallslos befunden wurde, entworfen wurde von einem Japaner, der als Arbeiter in einer Lachskonservenfabrik in Alaska angefangen hat, mit Kakerlaken im Bett und einem grossen (amerikanischen) Traum im Kopf. Kontrast, das weiss man hier, erzeugt mehr Kraft als Harmonie. Aber er erzeugt auch Fallhöhe. Vesey Street ist jetzt abgesperrt, und fünf gut gepolsterte Cops sichern die Gitter. Police Line Do Not Cross.

Einmal nachts (wo’n’i spät no bi gloffe) stand ich mit Peter auf dem World Trade Center Plaza, dem viereckigen Platz zwischen den beiden Türmen. Es war Sommer; ein Student sass musikhörend auf einer Bank, eine abstrakte Skulptur schaute verloren in den Himmel und von Krispy Kreme her wehte Zuckerluft. Wir schlossen die Augen und begannen uns um die eigene Achse zu drehen, immer schneller, bis der Bauch kribbelte und der Kopf flimmerte. Dann machte ich die Augen auf. Kopf und Bauch weigerten sich, die zweimal 411 Meter Stahl und Beton, die sich über mir auftürmten, als vertikal zu interpretieren, und so stand ich auf einem senkrechten Platz, ich hing, ich stolperte —
Peter drehte sich länger, viel länger, und dann fiel er rücklings um und lachte und starrte in Unglauben auf die Türme über ihm. Lange lag er da. Und lachte.

Ein aus vierhundert Metern Höhe vom Dach fallender Eiszapfen kann einen Menschen erschlagen. Deshalb war das Plaza im Winter jeweils geschlossen, aus Sicherheitsgründen. Dieses Jahr im Herbst sind Menschen von den Türmen gefallen. Die Zeitungen druckten pixelige Videostills von kopfvoran stürzenden Menschen und berichteten von einem Paar, das händehaltend vom Dach sprang, 110 Stockwerke weit einem gemeinsamen Tod entgegen, der zumindest schnell war und sicher. Ein Flugzeug war in den Büroturm geflogen, nur ein einziges Mal, noch nicht als Endlos-Schleife; dafür echt.

Police Line Do Not Cross. An der abgesperrten Vesey Street vorbei gehe ich weiter nach Süden; der Rauch kommt näher, der Geruch kriecht mir tiefer in Mund und Nase und unter die Haut. Dieser Geruch, den ich nie vergessen werde, war das erste, was mich die Katastrophe fühlen liess am 11. September. Er war da, als ich aus der Haustür stürzte, stand da wie eine Wand und nahm mir den Atem, ein düsterer Bote von Staub und Rauch, Feuer und Tod; er verlieh dem einen atemlosen Satz würgende Greifbarkeit, den mir das Radio entgegengespuckt hatte und der in meinem Kopf widerhallte wie in einem leeren Canyon: The second tower of the World Trade Center, which used to dominate Manhattan’s skyline, has just collapsed — — — Als ich den Tod roch, wusste ich, dass der Satz wahr war, aber glauben konnte ich es nicht. Und der Himmel leuchtete blau, als glaubte auch er nicht; die Sonne scheint grün in den Bäumen, auch wenn… Ich stürzte um die Ecke auf die Strasse, hinter deren Ende die Doppeltürme doch hätten stehen müssen, wo Manhattans Skyline doch hätte strahlen müssen in der Morgensonne, doch es strahlte nur der Himmel, in den sich die Rauchwolke wälzte, die dick und dunkelgrau war, hässlich und drohend wie die Atompilze im Schulfernsehen. Aber echt.

Die Trümmerhaufen der Geschichte werden im Nebel geboren. Wie Sterne.

This is the New Pearl Harbor. This is worse than Pearl Harbor. This is the new Hiroshima. This is worse than Hiroshima. This is an American Hiroshima. This is the modern Holocaust. This is the first war of the 21st century. This was the day the world changed.
Und das Flugzeug fliegt von links ins Bild, als wär da nichts als Himmel.

I just want her back —

Und dann, zwei Strassen weiter, ragt hell erleuchtet und kompromisslos real ein Stück der Fassade in den schwarzen Himmel; noch eine hohe Säule zeugt von vergangner Pracht, auch diese, schon geborsten, kann stürzen über Nacht, roh und rostig, wie das Bruchstück ist, verkrümmt und verzerrt wie ein gefrorener Schrei, ein letzter Überrest des Traumes von der Vertikalen. Hope, sagt eine leise Frauenstimme aus meinem Discman. Love… Wieder bin ich fassungslos, atemlos, grossäugig. Mit mir starren andere Menschen in den Rauch, als wär da noch mehr zu sehen, als wär nicht schon alles im Geruch zu spüren, zu wissen: verbranntes Gummi, geschmolzener Stahl und geborstener Beton, verbrannte Bürostühle und Dokumente und Ventilatoren und Computer und Kaffeeautomaten. Und Menschen.

Police Line Do Not Cross.

An der gegenüberliegenden Hauswand (on hallowed ground) ist spontan eine Gedenkstätte entstanden. Da hängt ein Blatt Papier mit einem Gedicht. Es fängt so an: There is a hole in my heart for 6333 people I never knew. Und in meinem Kopf fliegt ein Flugzeug in einen Büroturm, es kommt von links ins Bild und fliegt geradeaus, ohne zu bremsen, schlägt ein in den Turm, der Feuer ausspuckt und Rauch und kleine Punkte, die Arme und Beine haben.

I just…
Do Not Cross.

Nina Stössinger, Brooklyn NY, Ende September 2001

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