visuell fixiert in basel

Zürich, PANOSE, Herr Zehnpfundt und ich

In input on 19. September 2008 at 22:00

Gerade mal ein halbes Jahr habe ich es geschafft, keinen Studi-Ausweis zu haben. Ab heute darf ich endlich wieder günstiger ins Museum! Aber das Beste ist: Ich lerne Schriftgestaltung. Yes! Ein jahrelanger Traum wird weitaus schneller wahr, als ich es für möglich gehalten hätte. Denn seit kurzem muss man nicht mehr nach England oder Holland, um ein Nachdiplomstudium in Type Design zu machen, das geht jetzt auch berufsbegleitend in Zürich. Dankeschön! Auch an die Leute von slanted: Nur dank diesem Post hab ich von dem Kurs überhaupt erfahren.

Heute war der erste Tag, der einigermassen aufregend verlief; am Morgen führte uns Hans Jürg Hunziker sanft, vielschichtig und wortreich ins Thema ein, dann gab es eine ausgiebige Vorstellungsrunde (dass ich von Basel pendle, wurde bestaunt – aber einer fährt von Frankfurt hin und her!) und am Nachmittag warf uns Bruno Maag als Gastredner fortgeschrittene Details der technischen Schriftenproduktion um die Ohren (ich weiss jetzt, was PANOSE heisst); das war wohl eher für die Studis im zweiten Jahr gedacht. Aber ein guter Ausblick drauf, was man jetzt da alles auch lernen kann.

Mein Kurs geht ein Jahr, das heisst zwei Semester, das heisst eigentlich neun Monate, und am Ende derselbigen soll dann eine Schrift da sein, eine eigene, «mit allen Gross- und Kleinbuchstaben, Satz- und Sonderzeichen», aber um es mit Bruno Maag zu sagen: «Macht immer mindestens Latin-A Extended», das muss! Wenn ich schon eine Schrift mache, soll sie auch tschechisch und isländisch können. Sag ich jetzt mal. Fragt mich dann später wieder😉. Jedenfalls weiss ich (glaub ich) auch schon, was ich als Projekt mache, ausser es redet mir jemand aus irgendeinem glaubhaften Grund aus.

Ich verweise an dieser Stelle auf die vor kurzem gefundene Industria-Grotesk, die Hermann Zehnpfundt 1910–1913 für die Schriftgiesserei Emil Gursch in Berlin zeichnete. Die, finde ich, hätte es wirklich mal verdient, digitalisiert und ordentlich ausgebaut zu werden. Nein, so rational ist es gar nicht nur: Vor allem habe ich mich ziemlich in sie verliebt.

Ich bin sehr gespannt auf diesen Prozess. Lässt sich eine fast hundert Jahre alte Schrift einfach so auf nicht nur eine neue Technologie, sondern auch eine neue Zeit transportieren? Muss man glätten, begradigen, beruhigen? Wenn ja, wo? Und verliert sie dann nicht ihren feinen Charakter? – Ach, ich freu mich drauf.

  1. „Macht immer mindestens Latin-A Extended“

    –> mach das aber immer erst wenn a-z A-Z 0-9 zu 99% fixiert sind. sonst drehst du zig Ehrenrunden… Das selbe gilt natürlich auch für Ligaturen und ähnliches (ich spreche aus grausiger Erfahrung🙂

  2. […] Hebeln in Bewegung – aber ergebnislos – versucht habe, herauszufinden, ob es so etwas wie die Industria schon in digitaler Form gibt, bin ich gerade etwas erschrocken, als ich die Presicav […]

  3. Sebastian😀 das erinnert mich doch irgendwie an die Pixelschriftfamilie, die ich im Studium gemacht hab. «Ah, jetzt ist das e fertig, dann kann ich jetzt ja ganz schnell ganz viele ë é è machen.» Vier e-Änderungen später hab ich mir dann auch überlegt, dass das vielleicht nicht sooo der effizienteste Weg ist … uff.

  4. >«Ah, jetzt ist das e fertig, dann kann ich jetzt ja ganz schnell ganz viele ë é è machen.» Vier e-Änderungen später hab ich mir dann…

    Wenn du in FontLab mit Composite Glyphs arbeitest, dann hast du mit „e + Akzenten“ keine Problemen. Sobald du etwas an den Outlines vom e machst, werden diese Korrekturen auch im ë é è usw. zu sehen.

    Ich freue mich, dein Blog gefunden zu haben. Ich habe die Seite gebookmarkt, und hoffe auf eine lange, ausführliche Beschreibung deines Studiums in Zürich!😉

    Naja, auf jedem Fall wünsche ich dir viel Glück und alles Gute.

  5. Dan, das ist ja grossartig (und sehr wertvoll zu wissen) – danke für den Tipp!

    Danke für den Kommentar; ich bin auch immer wieder gern auf Deiner Seite. Reading ist für mich immer noch ein Traum …🙂 Wie lange bist Du noch dort?

  6. Ich bin jetzt in Reading fertig. Das Studium dort dauert genau 12 Monate. Vor anderthalb Wochen kam ich nach Deutschland züruck. Am 01.10. fing die Arbeit hier wieder an. Ich wohne jetzt in Offenbach (wieder) und am Wochenenden in Berlin.

    Irgendwann werde ich 2009 Zürich wahrscheinlich wieder besuchen. Ich habe verwandten (sort of…) im Kanton Zug.

  7. […] Grotesk-Revival-Projekt wird zum Serifenbetonten-Ableit-Projekt. Mann, macht das Spass. Endlich bin ich selber am Zeichnen, […]

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