visuell fixiert in basel

Des Mastro Lorenzo und dem Deutsch

In input on 24. September 2008 at 21:19

«Ich liebe jedem seiner Stärken»: Soll das jetzt so ein Italiener-können-Kaffee-aber-kein-Deutsch-Ding sein wie das mit dem «Isch ‚abe gar keine Auto»? Andere fragen sich das auch. Und 20 Minuten bestätigt die schreckliche Vermutung («Christa rettet dem Dativ») und sieht Christa Rigozzi damit auf «Verona-Feldbusch-Niveau». Was auch schon falsch ist, die Gute heisst ja schon gar nicht mehr Feldbusch, sondern Pooth, was ich wiederum, der Gerechtigkeit halber sei es zugegeben, nicht aussprechen kann.

20 Minuten zitiert dann auch die ungenannt bleibende PR-Agentur:

Das Sprachspiel soll den italienischen Charme unterstreichen.

Sprachspiel? Spiel? Wo?

Ich finde das ehrlich gesagt ein deutlich bemühtes Falschdeutsch und den «Witz» damit misslungen. Es ist schon ein sehr kreativer grammatikalischer Fehler, aber ein konstruierter, der damit niemals so lustig ist (und niemals so kreativ) wie wirklich passierte Fehler. Ein Fehler, auf den bestimmt nur Leute kommen, die perfekt Deutsch sprechen und sich dann irgendwie angestrengt Fehler ausdenken, die andere vielleicht machen könnten, die nicht wissen, wie’s geht. Auf «jeden» hätte man ja kommen können, das wär nur ein falsches Genus. Aber ein falsches Genus und einen falschen Kasus? Da käme doch keiner auf die Idee, aus Versehen einen solchen Fehler zu machen. Vor allem weil «seiner Stärken» dann wieder perfekt ist.

Auf mich wirkt das höchst konstruiert und irgendwo auch ein wenig problematisch. Ich meine, auf «hier werden Sie geholfen» kommen bestimmt auch Deutsch-Muttersprachler von selber, und Verona P. nahm ich den auch höchstpersönlich ab. Auch den mit dem «isch abe keine Auto» fand ich irgendwie sympathisch, sowas hat man ja realiter auch mal so ähnlich gehört. Aber unsere Sprache so willkürlich zu vermurksen, wie es wohl keiner tun würde, der sich darum bemüht … Ist das jetzt nicht auch irgendwie condescending? Das mit dem «italienischen Charme» hat da für mich so einen unangenehm gönnerhaften, leicht herablassenden Beigeschmack. Ein bisschen ungut, so wie aufgewärmter Kaffee.

(Danke für den Tipp, Sophie!)

  1. […] und Willkürlichkeit der eigenen Sprache vor Augen hält) – genau den Effekt also, den die doofe Mastro-Lorenzo-Werbung gestern erzielen wollte, aber dran vorbeigemurkst […]

  2. Vielen Dank für den aufschlussreichen Kommentar. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass jetzt ein armer Drucker/Grafiker/Gestalter seinen Job verloren hat, wegen eines einzigen Buchstabens. Auf einen beabsichtigten Fehler wäre ich nie gekommen, schon weil mir die werbende Dame nicht bildlich bekannt war. Aber so kann’s gehen.

  3. Hallo Nina, wunderbar kommentiert!
    Ich finde es auch einfach nur peinlichen. In der Musikbranche ist das ja üblich, erfolgreiche Hits zu verhunzen und bis zur Schmerzgrenze wieder zu käuen. Aber fällt den ungenannt bleiben wollenden (warum wohl?) Werbetextern nichts besseres ein, als mir, dem durchschnittlichen Konsumenten aus der Kaffegeniesserzielgruppe nur eine ideenlose, aufgewärmte Brühe vorzusetzen?
    Was sich wie ein unbemerkter Schreibfehler präsentiert, soll ein charmant daher kommender Werbegag sein?
    Nöö! Frau Rigozzi spricht x Sprachen und gemäss wikipedia studierte sie „[…]zum Zeitpunkt ihres Titelgewinns Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Freiburg und Kriminologie und Strafrecht an der Universität Bern.[…]“.
    Aha! Warum also nicht den Kaffee mit den Stärken von Frau Rigozzi kombinieren? Charakter (im Aroma), Vielfalt (im Geschmack) und „verschiedene Stärken“ (der Röstung) wären doch wunderbare Zutaten für diese Werbebotschaft, die ich denen dann auch sofort abkaufen würde, wenn ich nicht schon so ein Espressokapseldingens vom fast gleichnamigen Hersteller zu Hause stehen hätte.
    Aber vielleicht sollte dieses Verbrechen auf Plakatwand genau diese Diskussion auslösen. Das wäre aber wirklich um sieben Ecken gedacht, und in der Zwischenzeit wird der Kaffee kalt.

  4. Da unterstelle ich einfach mal:
    ausländische Frau + schön + ein bisschen doof = charmant = werbewirksam.
    ausländische Frau + schön + smart + vielseitig ausgebildet = gruselig = bedrohlich = nicht werbewirksam.
    Bin ich jetzt zynisch?

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