visuell fixiert in basel

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Actionpainting auf dem Balkon

In output on 5. April 2009 at 15:28

Ist doch mal ein anderer Titel als «Neue Drucksachen»! Dabei geht es genau darum: Neue Drucksachen habe ich vorgestern von der Druckerei bekommen, Plakate und Flyer für eine Tagung:

opfer_1

«Ästhetik des Opfers»: Kein einfaches Thema. Es geht übrigens – auf Deutsch ist das Wort ja auch noch so schön doppelsinnig – nicht um Menschen, die Opfer von Gewalt, Krieg etc. werden (victima), sondern um religiöse Opferrituale (sacrificia). Wie visualisiert man das möglichst allgemein, d.h. ohne konkrete Anspielungen auf einzelne Kulturkreise? Das Opferlamm flog raus, Opferschalen und -altäre auch, Kreuze sowieso, auch Hünengräber und Dolmen.

Was aber könnte universaler sein als Blut? Als konkretes Zeichen wie auch als kraftvolle Metapher vermag der Blutfleck eine Menge von «Konkretheitsstufen» abzudecken – und seine Reihung deutet auf die Institutionalisierung, die Repetitivität, die Ritualhaftigkeit des Opferritus hin.

opfer_2

Alles klar? 🙂 Spass gemacht hats vor allem. Nicht nur das konzeptionelle Hirnen (inkl. Recherche in der Unibibliothek), sondern vor allem auch die Umsetzung (notabene grösstenteils im Zustand akuter Grippe und Bronchitis). Fotografiert habe ich das Motiv nämlich selber, Blut auf Marmor, ich meine: Randensaft auf Balkontisch.

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Serifenjugend

In basel, input on 23. November 2008 at 21:10

Erik Spiekermann stellt in diesem Vortrag (scrollen zu Spiekermann, Video öffnen, spulen auf 00:54) Erschreckendes zur aktuellen Generation von Computerheftchenlesern fest: Die Leute können keine Serifen mehr lesen. Anlässlich des Redesigns von «PC Professionell» erzählt er,

We’ve given them a second typeface, so now it’s actually very conservative, it’s all in serif type. Which, in this business, is like: „Oh my God!“, and they said: „Can people read this?“ – I said, „What do you mean? We’ve been reading books for 500 years in serif type, hello!?“

Oh, and then the readers write in and say, „Oh, you know, those type with the little things on them, that’s illegible.“ So, there’s a generation of people that’s been brought up on Helvetica and Frutiger, who think Minion is illegible. I mean, how bad has the world got.

Ich darf verkünden: Der Backlash ist schon wieder da. Jugendliche wollen Serifen. Und sie schreiben das auf Plakate. Sie protestieren öffentlich gegen Frutiger und serifenlose «l»s. Die Serifenrevolution steht wohl kurz bevor.

l-serifen

Ich finds unfassbar cool und spannend, dass Buchstabenformen per Krakelgraffiti auf Werbeplakaten öffentlich diskutiert werden. Wow.

(Gefunden an der Bushaltestelle Schützenhaus.)

«Swissness» im Plakatdesign

In basel, input on 1. Oktober 2008 at 10:18

Edgar Küng / Michael Wolgensinger, 1969

Zu empfehlen für die Mittagspause oder sonst für eine halbe Stunde zwischendurch: Die Bibliothek für Gestaltung Basel und die Basler Plakatsammlung zeigen noch bis zum 25. Oktober «Swissness: Möbel, Mode, Markenprodukte in Plakat und Buch». Wie üblich ist die Ausstellung sehr klein, aber durchaus fein und ausserdem gratis.

Dabei kommen die im Titel als ebenbürtig angekündigten Bücher für meinen Geschmack präsentationsbedingt (wohl gezwungenermassen) zu kurz, da hinter Glas und so nicht wirklich anschaubar. Die Schweizer Werbeplakate aber – nicht nur aus der klassischen Hoch-Zeit der «Schweizer Grafik», sondern breit gefächert von den 20er- bis in die 90er-Jahre – sind schon sehr spannend. Ich frage mich immer, ob man unsere heutige Werbung in 50 Jahren auch als so lustig und so «Zeitgeist-enttarnend» empfinden wird. (Zeitgeistenttarnend ist die aus den 90er-Jahren ja auch schon, aber für mich nicht lustig. Eher blöd.)

Vor allem auch das typographische Auge kommt wieder mal auf seine Kosten.

Hans Handschin, 1936

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Des Mastro Lorenzo und dem Deutsch

In input on 24. September 2008 at 21:19

«Ich liebe jedem seiner Stärken»: Soll das jetzt so ein Italiener-können-Kaffee-aber-kein-Deutsch-Ding sein wie das mit dem «Isch ‚abe gar keine Auto»? Andere fragen sich das auch. Und 20 Minuten bestätigt die schreckliche Vermutung («Christa rettet dem Dativ») und sieht Christa Rigozzi damit auf «Verona-Feldbusch-Niveau». Was auch schon falsch ist, die Gute heisst ja schon gar nicht mehr Feldbusch, sondern Pooth, was ich wiederum, der Gerechtigkeit halber sei es zugegeben, nicht aussprechen kann.

20 Minuten zitiert dann auch die ungenannt bleibende PR-Agentur:

Das Sprachspiel soll den italienischen Charme unterstreichen.

Sprachspiel? Spiel? Wo?

Ich finde das ehrlich gesagt ein deutlich bemühtes Falschdeutsch und den «Witz» damit misslungen. Es ist schon ein sehr kreativer grammatikalischer Fehler, aber ein konstruierter, der damit niemals so lustig ist (und niemals so kreativ) wie wirklich passierte Fehler. Ein Fehler, auf den bestimmt nur Leute kommen, die perfekt Deutsch sprechen und sich dann irgendwie angestrengt Fehler ausdenken, die andere vielleicht machen könnten, die nicht wissen, wie’s geht. Auf «jeden» hätte man ja kommen können, das wär nur ein falsches Genus. Aber ein falsches Genus und einen falschen Kasus? Da käme doch keiner auf die Idee, aus Versehen einen solchen Fehler zu machen. Vor allem weil «seiner Stärken» dann wieder perfekt ist.

Auf mich wirkt das höchst konstruiert und irgendwo auch ein wenig problematisch. Ich meine, auf «hier werden Sie geholfen» kommen bestimmt auch Deutsch-Muttersprachler von selber, und Verona P. nahm ich den auch höchstpersönlich ab. Auch den mit dem «isch abe keine Auto» fand ich irgendwie sympathisch, sowas hat man ja realiter auch mal so ähnlich gehört. Aber unsere Sprache so willkürlich zu vermurksen, wie es wohl keiner tun würde, der sich darum bemüht … Ist das jetzt nicht auch irgendwie condescending? Das mit dem «italienischen Charme» hat da für mich so einen unangenehm gönnerhaften, leicht herablassenden Beigeschmack. Ein bisschen ungut, so wie aufgewärmter Kaffee.

(Danke für den Tipp, Sophie!)

Obama bringt seine schöne Grafik nach Berlin

In input on 22. Juli 2008 at 22:03

Der Fontblog titelt heute ungewohnt euphorisch: «Endlich mal ein gutes Plakat in Deutschland». Indeed: Anlässliches des Besuchs von unser aller Lieblings-US-Präsidentschaftskandidaten (huch, welch abenteuerliche grammatikalische Konstruktion) wird der Unterschied zwischen den grafischen Kulturen in der Wahlwerbung sehr greifbar.

PDF zum Herunterladen

Übrigens gab es zu dem Plakat noch zwei Varianten, die dann zugunsten der obigen Gestaltung verworfen wurden: (weiterlesen…)

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